DIE VON HIPPEL-LINDAU ERKRANKUNG
Leitfaden für Patienten und Ärzte
von
Prof. Dr. med. Hartmut P.H. Neumann
Medizinische Universitätsklinik, Freiburg im Breisgau
November 2002
Adresse des Verfassers:
Professor Dr. med. Hartmut P.H. Neumann
Medizinische Universitätsklinik
Hugstetter Straße 55
D - 79106 Freiburg
Germany
Telefon:
+49 761/270-3578
FAX:
+49 761/270-3778
Email: hartmut.neumann@uniklinik-freiburg.de
Inhaltsverzeichnis:
1.
Ziele des Leitfadens
Die
Von Hippel-Lindau Erkrankung (VHL) zeichnet sich gegenüber den meisten anderen
Erkrankungen dadurch aus, dass sie kein Schlüsselzeichen (Haupt-Symptom) hat,
dass sie nicht ausschließlich in einem Organ des Körpers abläuft, und dass
sie nicht an ein Alter gebunden ist. Meistens kommt die Erkrankung in Familien
gehäuft vor; jedoch können die gesundheitlichen Probleme der betroffenen Familienmitglieder
und die Spezialgebiete der behandelnden Ärzte so verschieden sein, dass die
Zugehörigkeit von Symptomen und Veränderungen zu derselben Erkrankung nicht
erkannt wird. Oft können Betroffene nicht glauben, dass dieselbe Erbanlage
bei allen betroffenen Mitgliedern ihrer Familie ursächlich verantwortlich
ist; die Ausprägung kann so unterschiedlich sein, dass manche Angehörige einer
Familie nur eine harmlose Anomalie, andere aber eine schwere Erkrankung zeigen.
Diese
drei Sätze spiegeln Erfahrungen der 1983 begonnenen Arbeit zur Von Hippel-Lindau
Erkrankung im Freiburger Zentrum wider.
Auf
Veranlassung der Selbsthilfegruppe für die Von Hippel-Lindau Erkrankung werden
hier die wesentlichen Aspekte der Von Hippel-Lindau Erkrankung als Leitfaden
zusammengefasst. Diese Schrift wendet sich vornehmlich an die Patienten und
deren Familien. Sie entstand vor dem Hintergrund von etwa 400 Krankengeschichten,
die der Verfasser studiert hat. Sie spiegelt Erfahrungen und Nöte von über
200 Familien wider (Abb. 1). Sie möchte den Betroffenen sagen, dass große
Fortschritte in der Erkennung, besonders in der Früherkennung, und in der
Behandlung der Erkrankung gemacht werden konnten. Diese wurden möglich, sowohl
durch generelle medizinische Neuerungen, als auch durch eingehende Forschungen
zur Von Hippel-Lindau Erkrankung selbst. Eingegangen in diese Schrift ist
auch der Gedankenaustausch mit vielen Patienten und Ärzten in Deutschland
und im Ausland. Wichtige Begegnungen waren die inzwischen regelmäßig stattfindenden
Konferenzen zu dieser Erkrankung, an denen sowohl Patienten als auch Ärzte
teilgenommen haben. Die erste Patienten-Ärzte Konferenz fand in Kansas City,
USA, 1994 statt. In Deutschland wurden solche Konferenzen in
Freiburg, 1994, 1995 und 1996, in Dörlinbach/Schwarzwald 1996 und 1997, in
Berlin 1998, in Bonn 1999, in Himmelreich bei Freiburg 1999, in Denzlingen
bei Freiburg 2001 und in Waldkirch bei Freiburg 2002 durchgeführt. 1999
ging der Wunsch des Verfassers in Erfüllung: Auf Initiative zahlreicher Patienten
wurde die Selbsthilfegruppe für die Von Hippel-Lindau Erkrankung in Deutschland
gegründet. Regionale Arbeitskreise gingen in diese Selbsthilfegruppe auf.
Vorsitzender wurde Herr Gerhard Alsmeier, Meppen. Seither finden jährlich
Patienten -Treffen und Patienten-Ärzte Konferenzen in allen Teilen Deutschlands
statt, so 2000 in Koblenz, 2001 in Berlin und 2002 in
Heidelberg.

Abb. 1:
Entwicklung des Registers für die Von Hippel-Lindau Erkrankung des Freiburger Zentrums von 1983 bis 2002.
Die Zahlen beziehen sich auf die registrierten Familien, nicht auf die Zahl
der Betroffenen.
Es
ist ein wichtiges Anliegen dieses Leitfadens die Betroffenen und deren
Familien
in ihrem Vertrauen in die Zukunft zu bestärken. Nach den Erfahrungen unseres
Freiburger VHL-Zentrums lassen sich die meisten Krankheitsformen gut
beherrschen. Auch sind nur wenige Komplikationen bei den vielen, oft
ungewöhnlich schwierigen Eingriffen aufgetreten. Ein anderer wichtiger Aspekt
ist, dass die Ärzte, speziell die VHL-Spezialisten, Patienten nur für eine
begrenzte Zeit betreuen. Die Verantwortung für die Zukunft muss bei den Betroffenen
selbst bleiben. Dies beinhaltet insbesondere die Nachsorgeuntersuchungen sowie
die zu treffenden Maßnahmen, um Erkrankungen bei Angehörigen rechtzeitig zu
erkennen und zu behandeln. Hierzu sind gute Kenntnisse notwendig und hierzu
möchten diese Patienteninformationen beitragen.
Schriftlich
zusammengestellte Patienteninformationen sollen umfassend sein. Das Lesen
dieser Informationen kann jedoch über die schon bestehenden Probleme neue
Ängste verursachen. Der Verfasser ist sich dessen durchaus bewusst gewesen
und bedauert, dass sich dies nicht ganz umgehen ließ. Andererseits wurden
Informationen, die in Beratungsgesprächen gegeben wurden, nicht selten falsch
verstanden. Diese schriftliche Abfassung soll versuchen, solche Missverständnisse
zu vermeiden und ihnen zuvorzukommen. Wiedergegeben wird der Wissensstand
für das Jahr 2002. Die letzten Jahre haben neue Erkenntnisse für Diagnostik
und Behandlung der VHL Erkrankung gebracht. Es lässt sich nicht voraussehen,
welche Neuerungen noch kommen und welche Fakten in Zukunft evtl. anders beurteilt
werden müssen, und ob dies wiederum Folgen für die Behandlung ergeben wird.
Dieser
Leitfaden wird durch Abbildungen illustriert. Dabei werden typische Befunde
gezeigt. Es sollte aber nicht rückgeschlossen werden, dass die Befunde von
verschiedenen Patienten ähnlich sind.
Im Gegenteil sind die Tumoren hinsichtlich ihrer Lage, der Zahl und der Größe
sehr verschieden. Im einzelnen sollten die Befunde von den betreuenden Ärzten
erläutert werden.
2.
Grundzüge der Von Hippel-Lindau Erkrankung
Das
Charakteristische der Von Hippel-Lindau Erkrankung ist, dass entweder
ein Patient oder mehrere Betroffene in einer Familie (Abb. 2) Veränderungen
in mehreren Organen aufweisen. Eine dieser Veränderungen kann ein Netzhauttumor,
d. h. ein retinales Angiom oder ein Tumor des Gehirns, des Hirnstammes oder
des Rückenmarkes, d. h. ein Hämangioblastom des Zentralnervensystems
sein. Typische weitere Veränderungen sind Nierenkarzinome und Nierenzysten,
Zysten in der Bauchspeicheldrüse und sogenannte Phäochromozytome,
d. h. Tumoren, die meist in den Nebennieren lokalisiert sind. Weiterhin kommen
seltener Tumoren oder Zysten in verschiedenen anderen Organen vor, insbesondere
Inselzelltumoren der Bauchspeicheldrüse und Tumoren des Endolymphsystems
des Innenohres, Nebenhodenzystadenome und bei Frauen Zystadenome
der breiten Mutterbänder. In Abbildung 3 sind die Häufigkeiten im Freiburger
Patientengut eingetragen.

Abb. 2:
Stammbaum einer VHL Familie. Die Quadrate entsprechen Männern, die Kreise
entsprechen Frauen, die geschwärzten Symbole stellen Betroffene dar. In dieser
Familie mit 3 Generationen findet sich sowohl eine Vererbung von Männern als
auch von Frauen. Alle Generationen sind betroffen. Dieses Muster entspricht
einem autosomal-dominanten Erbgang.

Abb. 3:
Häufige
Veränderungen bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung.
In Prozenten ist angegeben
eine Auswertung von 285 Patienten des Freiburger VHL-Zentrums. Durch Familien
mit hohem Risiko für Phäochromozytome liegt der Anteil dieser Tumoren deutlich
höher als in anderen Registern. Ausgewertet wurden nur Patienten, die mindestens
eine Veränderung aufwiesen.
Die
Von Hippel-Lindau Erkrankung geht auf eine angeborene Störung zurück. Deshalb
finden sich meistens weitere betroffene Familienmitglieder. Manche Patienten
sind jedoch als erste ihrer Familie betroffen, man nennt dies Neumutationen;
auch diese Patienten können die Anlage auf ihre Kinder weitergeben. Es erkranken
Männer und Frauen gleich häufig. Die Anlage geht auf rechnerisch 50% der Kinder
über; wie viele Kinder in einer gegebenen Familie betroffen sind, hängt allerdings
vom Zufall ab. Die Personen, die die Anlage tragen, zeigen meistens im Laufe
ihres Lebens Krankheitszeichen. Alter bei Auftreten von Krankheitszeichen, Zahl der
betroffenen Organe und Schwere der Erkrankung lassen sich schwer voraussagen,
jedoch treten die meisten Veränderungen zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr
in Erscheinung (Abb. 4). Alle genannten Veränderungen der Von Hippel-Lindau
Erkrankung können auch als einzelne Tumoren vorkommen, ohne dass Patient und
Familie weitere Erkrankungen aufweisen. Wenn mit molekulargenetischen Methoden,
wie in Kapitel 12 erläutert, sich keine Erbanlage nachweisen lässt, nennt
man dies sporadische Tumoren; sie sind nicht erblich. Eine erfolgreiche Behandlung
der Von Hippel-Lindau Erkrankung setzt eine rechtzeitige Diagnose, d. h. die
Erkennung, dass wirklich diese Erkrankung vorliegt, voraus. Es ist schwer
zu sagen,
aber enorm wichtig, was "rechtzeitig" ist. Für die Augenveränderungen
und Nierenkarzinome ist ein Stadium, in dem Krankheitszeichen auftreten, in
der Regel zu spät für eine erfolgreiche Behandlung. Deshalb wird eine Frühdiagnostik
der Von Hippel-Lindau Erkrankung durch molekulargenetische Diagnostik und
durch klinische Untersuchungen von Anlageträgern möglichst vor den zu erwartenden
Krankheitszeichen, d. h. in jungem Alter, in der Regel vor der Einschulung,
empfohlen. Dies geht aus der graphischen Darstellung des Erkrankungsalters
(Abb. 4) hervor. Von sehr großer Bedeutung sind die Kontrolluntersuchungen.
Sie sollten in regelmäßigen Abständen erfolgen. Die Zeitintervalle und das
Programm der Kontrolluntersuchungen sind bislang nicht endgültig festgelegt.

Abb. 4:
Altersverteilung der Veränderungen von Augen (Angiomatosis
retinae), ZNS, Nieren und Nebennieren (Phäochromozytome) bei 337 Patienten mit Von Hippel-Lindau'scher
Erkrankung. Die Kurven geben eine sog. kumulierte Altersverteilung dar. Man
kann entnehmen, mit welcher Wahrscheinlichkeit (%) bei einem bestimmten Alter
Veränderungen gesehen wurden.
3.
Seelische Belastungen durch die VHL Erkrankung
Die
lebenslange Belastung, die Anlage für eine außerordentlich vielseitige Erkrankung
wie die Von Hippel-Lindau Erkrankung zu tragen, kann nicht nur ein Problem
einer Bedrohung für die Zielorgane sein. Parallel treten vielerlei Ängste
auf. Sie bestimmen häufig das Leben der Patienten: Ängste der Patienten zu
erkranken, Ängste vor der Behandlung mit diversen meist operativen Eingriffen,
Zweifel an der Richtigkeit von Entscheidungen, Zweifel an der Kunst der Ärzte,
Ängste vor den regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, unerfüllte Hoffnungen,
finanzielle Belastungen, Probleme am Arbeitsplatz oder mit Versicherungen.
Die
psychische Betreuung und Begleitung der Patienten ist somit eine sehr komplexe
Aufgabe. In besonderer Weise gilt dies für VHL-Patienten, bei denen schon
eine körperliche Behinderung eingetreten ist. Menschliche Zuwendung, fachliches
Können, aber auch Aufrichtigkeit sind die Grundlagen, auf denen sich eine
Vertrauensbasis aufbauen lässt, die langfristig eine wesentliche psychische
Abstützung werden kann.
Die
Seltenheit und die Vielseitigkeit der Erkrankung kann es den VHL-Patienten
schwer machen, einen Arzt zu finden, der ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht.
Eigeninitiative, Hilfe durch Mitmenschen und Nutzung der modernen Kommunikationsmittel,
voran der Möglichkeiten des Internet, ermöglicht es vielen Patienten schnell
einen hohen Wissensstand zu erreichen. Die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten
verändert sich dadurch, das sollten VHL-Patienten wissen und zu ihrem Vorteil
nutzen können. Es geht dabei vorrangig um die Frage, eine zweite Meinung einzuholen
und Spezialisten für ganz spezielle Aspekte, insbesondere Behandlungsmöglichkeiten,
aufzusuchen. Dies sollte keine Barriere sein. Allerdings ist ein Wechsel des
betreuenden Arztes nur anzuraten, wenn hiermit wirklich eine Verbesserung
verbunden ist.
Die
VHL Selbsthilfegruppe hat sich unter anderem das Ziel gesetzt, den Patienten
bei der Bewältigung ihrer psychischen und sozialen Probleme, die mit
der Erkrankung in Verbindung stehen, zu helfen. Dies macht sie seit ihrer
Gründung im Jahr 1999 mit großem Engagement.
Mit
E-Mails, ungezählten Telefonaten und auch mit persönlichen Besuchen hat die
VHL Selbsthilfegruppe diese Patienten begleitet und entlastet. Diese Hilfen,
sei es für Menschen, die neu als VHL-Patienten identifiziert wurden, sei es,
dass diese erstmals zu umfassenden klinischen Untersuchungen in ein Zentrum
gefahren sind und sich mit Weg, Kliniken, aber auch Übernachtungsquartieren
nicht auskannten, können gar nicht hoch genug bewertet werden. Auch deren
Besuche zu Patienten, die sich in klinischer Behandlung befanden, und wegen
großer Entfernung von ihrem Wohnort nicht von ihrer Familie besucht werden
konnten, sprechen für den Einsatz der VHL Selbsthilfegruppe.

4.
Augenveränderungen
Die
Augenveränderungen bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung nennt man Angiomatosis
retinae oder retinale Angiome oder Netzhaut-Angiome. Es handelt sich um gutartige
Blutgefäss-Tumoren (Abb. 5 und 7 bis
9). Die wichtigste Gefährdung besteht darin, dass große Angiome zur Netzhautablösung
und damit zu schwerer Beeinträchtigung des Sehvermögens führen können. Es
kann hierdurch sogar zu einer Erblindung kommen. Dies kann bei rechtzeitiger
Entdeckung und Behandlung in der Regel vermieden werden, sofern nicht besondere
Lokalisationen vorliegen
(s. unten). Die Behandlung muss durch einen erfahrenen Augenarzt durchgeführt
werden. Standardverfahren ist die Zerstörung des Angioms mit einem Laserstrahl
(Abb. 6). Angiome stellen häufig die ersten Veränderungen der Von Hippel-Lindau Erkrankung dar. Sie entwickeln sich
nicht selten in beiden Augen. Auch wenn zunächst nur ein Auge betroffen ist,
kann später im anderen Auge noch ein Angiom auftreten. Meistens sind die Augen
unterschiedlich stark betroffen. Häufig finden sich an einem Auge mehrere
Angiome. Dabei liegen die Mehrzahl der Angiome in den äußeren Bereichen der
Netzhaut, so dass die durch Laser-Behandlung erzeugten Vernarbungen fast nie
zu einer Beeinträchtigung des Sehvermögens führen. Für die augenärztliche
Untersuchung ist eine Verabreichung von Pupillen-erweiternden Tropfen notwendig.
Danach besteht für einige Stunden Fahruntüchtigkeit. Die augenärztliche Untersuchung
sollte durch einen Augenarzt erfolgen, der Erfahrungen mit der Von
Hippel-Lindau Erkrankung hat.

Abb. 5
und 6:
Typisches retinales Angiom (links) mit geschlängeltem und erweitertem
versorgendem Gefäßpaar.
Rechts: Zustand nach Laserkoulation in Form einer zirkulären Abriegelung.
Befinden
sich die Angiome in den äußersten Bereichen der Netzhaut und sind dadurch
mit dem Laserstrahl nicht zu erreichen, kann auch eine Kältebehandlung (Kryotherapie)
angezeigt sein. Bei größeren Angiomen ist der Brachytherapie der Vorzug vor
der Laser- oder Kältebehandlung zu geben. Dazu wird in Narkose ein radioaktiv
strahlendes Plättchen auf den Augapfel genäht und für etwa eine Woche belassen.
Es wird sehr präzise nur das Angiom und das unmittelbar angrenzende Gewebe
bestrahlt, so dass es schließlich vernarbt. Diese Behandlung ist wenigen spezialisierten
Zentren vorbehalten. Manchmal sind die Angiome für eine Laser-Behandlung ungünstig
lokalisiert, wie z. B. im Bereich des Sehnerves (Papille) (Abb. 7). Eine zweite
Region ist die Stelle des schärfsten Sehens (Makula) (Abb. 8). In diesen zwei
Situationen kann es besser sein abzuwarten, zu beobachten und nicht zu handeln,
da Angiome manchmal über Monate oder Jahre nicht wachsen. Hier sollte über
eine Behandlung nur dann nachgedacht werden, wenn das Angiom symptomatisch
ist, also eine Sehverschlechterung verursacht hat. Eine Behandlungsmöglichkeit
ist in diesem Fall die Bestrahlung mittels eines Protonenstrahles von außen.
Nach einer Operation zur Markierung des Angioms und Anpassung einer Gesichtsmaske
wird diese Therapie in Deutschland im Hahn-Meitner-Institut in Berlin durchgeführt.

Abb. 7:
Angiom in der Nähe des Sehnerveneintritts (weißer Fleck rechts oberhalb
des Angioms, dass durch Pfeile gekennzeichnet ist).

Abb. 8:
Mikroangiom
(Pfeil) der Retina in der Nähe der Makula (Stelle des schärfsten Sehens).
Ganz links: Sehnnerv.

Abb. 9:
Angiom
in der Nähe eines großen Gefäßes.
Wenig
wissen wir über das Wachstum von Angiomen. Im allgemeinen handelt es sich bei retinalen Angiomen um sehr langsam wachsende Tumoren, so dass es wahrscheinlich
mehrere Jahre bis zur Ausbildung großer Angiome dauert. Da kleine Angiome
sehr einfach und risikolos behandelt werden können, ist das Ziel der Vorsorgeuntersuchungen,
Angiome frühzeitig zu entdecken. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen
sollte jährlich eine Vorsorgeuntersuchung stattfinden. Nach dem 30. Lebensjahr
scheint sich das Wachstum der Angiome bei einigen Patienten zu verlangsamen.
Da jedoch auch bei älteren Patienten neue Angiome gefunden werden und die
augenärztliche Kontrolluntersuchung einfach durchzuführen ist, sollte sie
möglichst in jährlichen Abständen beibehalten werden.
Wichtig
ist, dass keine Warnzeichen einer Sehverschlechterung durch Ablösung der Netzhaut
vorausgehen. Die Sehverschlechterung stellt sich somit schmerzlos ein. Sie
wird nicht selten vom Patienten zunächst gar nicht wahrgenommen. Die Behandlung
der bereits erfolgten Netzhautablösung ist schwierig und langwierig. Oft ist
dann eine Vitrektomie, eine mikrochirurgische Operation im Inneren des Auges,
erforderlich. Der Aufwand ist besonders hoch, und die Behandlung ist leider
nicht selten erfolglos. Die rechtzeitige Entdeckung von asymptomatischen Angiomen
erhält vor diesem Hintergrund ein besonderes Gewicht.
5.
Veränderungen des Zentralnervensystems
Das Zentralnervensystem besteht aus dem Gehirn, dem Hirnstamm und dem Rückenmark.
Im hinteren und unteren Teil des Gehirns liegt das Kleinhirn.
Bei
der Von Hippel-Lindau Erkrankung entstehen Blutgefäss-Tumoren, sogenannte
Hämangioblastome, und zwar vorwiegend im Kleinhirn, im Bereich des Hirnstammes
und im Rückenmark (Abb. 10, 11 und 12). Hämangioblastome im Großhirn sind
dagegen sehr rar. Nicht selten sondern die Tumoren eine Flüssigkeit ab. Die
Tumoren bestehen dann aus einem Gewebeanteil und einem Flüssigkeitsanteil
(Zyste), die zusammen von einer zarten Membran umgeben sind. Die Krankheitszeichen
dieser Kleinhirntumoren sind meistens durch größer werdende Zysten bedingt
(Abb. 10). Im Wirbelsäulenkanal können die Tumoren innerhalb und außerhalb
des Rückenmarkes auftreten. Häufig sind die Tumoren klein und rundlich. Sie
können, wie im Gehirn, einen zystischen Anteil aufweisen (Abb. 12) und gegebenenfalls
zur Aufweitung des Zentralkanals (Syrinx) führen. Die Krankheitszeichen bei
Hämangioblastomen werden entweder durch Druck auf das benachbarte Nervengewebe
verursacht, oder durch Störung der Zirkulation der Flüssigkeit, in der das
Gehirn schwimmt, dem sogenannten Liquor cerebrospinalis. Im Kleinhirn gelegene
Tumoren bewirken Stand- und Gangunsicherheit, Kopfschmerzen, Übelkeit und
Erbrechen. Rückenmarks-Tumoren verursachen Taubheit umschriebener Hautbezirke
und Schwäche einzelner Muskelgruppen. Obwohl die Tumoren aus Blutgefässen
bestehen, sind Blutungen sehr selten.

Abb. 10:
Zystisches Kleinhirn-Hämangioblastom mit wandständigem solidem Tumoranteil
(weiße Pfeile) und großer Tumorzyste (schwarze Pfeile) a: koronare (frontale),
b: transversale (horizontale) Projektion. Kernspintomographie mit Kontrastmittel
(Gadolinium).

Abb. 11:
Zystisches Hämangioblastom der Medulla oblongata (Verlängertes Rückenmark).
Auch wenn keine Symptome vorliegen sollten, ist wegen der Lokalisation in
der Regel die Operation angezeigt. Kernspintomographie mit Kontrastmittel
(Gadolinium), seitliche Ansicht.

Abb. 12:
Hämangioblastom
des Halsmarkes mit rundem Tumor und länglicher Syrinx. Kernspintomograpie
mit Kontrastmittel (Gadolinium), Sagittalschnitt (seitliche Ansicht).
Die
Kernspintomographie unter Verwendung des Kontrastmittels Gadolinium ist die
beste Nachweismethode. Durch die Einführung der Kernspintomographie mit ihrer
hochwertigen und genauen Abbildungsqualität können Tumoren im Größenbereich
von einem Millimeter erkannt werden.
Die
Behandlung sollte durch einen erfahrenen Neurochirurgen erfolgen. Die Behandlungsergebnisse
sind durch die gewebeschonende mikrochirurgische Operationstechnik enorm verbessert
worden. Ziel des Eingriffes ist die Entfernung des Tumors, während die Zyste
sich dabei entleert und im Verlauf kleiner wird. Ergänzend zu der Mikrochirurgie
kann in Ausnahmefällen ein Navigationsverfahren eingesetzt werden, das dem
Operateur eine zusätzliche Hilfe beim Aufsuchen der Tumoren in schwierigen
Lokalisationen und zum Schutze wichtiger benachbarter Hirnstrukturen bietet.
Hierzu wird vor dem Operationstag eine Kernspintomographie mit Erstellung
eines 3D-Datensatzes angefertigt. Dem Patienten werden zur
Übertragung des Datensatzes an bestimmten Stellen des Kopfes Markierungen
aufgeklebt. Im Operationssaal werden diese von einer Kamera erkannt. Das Verfahren
ermöglicht dem Operateur den Tumor sehr exakt zu lokalisieren. Schwierig ist
die Antwort auf die Frage, ob Hämangioblastome ohne Krankheitszeichen operiert werden sollen, weil immer häufiger
Hämangioblastome bei Vorsorgeuntersuchungen entdeckt werden. Die weitere Entwicklung
solcher Tumoren ist schwer abzuschätzen. Das Wachstum des soliden (festen)
Tumoranteils ist in aller Regel langsam. Dagegen können die zystischen Anteile
schnell an Größe zunehmen. Die Entscheidung, einen asymptomatischen Tumor
zu entfernen, wird somit im Einzelfall zu treffen sein und wesentlich auch
davon abhängen, wo genau er lokalisiert ist und ob schon ein zystischer Anteil
vorhanden ist (Abb. 12 und 13). Rückblickend auf die Erfahrungen des Freiburger
Zentrums kann man aber sagen, dass Patienten, die im asymptomatischen Stadium
operiert werden, praktisch immer auch nach der Operation
asymptomatisch bleiben oder sich nur für kurze Zeit verschlechtern. Auf der
anderen Seite können Ausfälle, die vor der Operation bestehen, meist auch
durch die OP nicht mehr rückgängig gemacht werden. Daher ist oft zu empfehlen,
wachsende Tumoren zu operieren bevor Symptome entstehen.

Abb. 13:
Verlaufsbeobachtung
eines zunächst nicht operierten, bei der Vorsorgeuntersuchung entdeckten sehr
kleinen Hämangioblastoms (Pfeil links): Minimales Tumorwachstum, aber Ausbildung
einer Zyste nach 6 Jahren (rechts), Kernspintomographie mit Kontrastmittel
(Gadolinium)
Als
alternative Behandlungsmöglichkeit wurde über den Einsatz einer Bestrahlung
mit dem sog. Gammamesser (Gammaknife) oder mit einem Linearbeschleuniger berichtet.
Bei beiden Verfahren lässt sich keine exakte Grenze zwischen bestrahltem und
nicht-bestrahltem Gewebe erzielen. Aus diesem Grunde wird von der Mehrzahl
der Neurochirurgen ein operativer Eingriff bevorzugt, zumal diese Eingriffe
nur in seltenen Fällen zu einer Verschlechterung der Symptomatik führen. Eine
Bestrahlung durch Gammaknife oder Elektronenbeschleuniger sollte jedoch diskutiert
werden, wenn der operative Zugang besonders risikoreich ist, wie es
z. B. bei den sehr selten im Rahmen der Von Hippel-Lindau Erkrankung auftretenden
tiefgelegenen Tumoren im Bereich des Großhirns sein kann. Zystische Tumoren
kommen für diese Behandlung nicht in Betracht. Erwartet wird weniger, dass
die Tumoren sich zurückbilden, als dass kein weiteres Wachstum stattfindet.
Die
Frage, ab welchem Alter die Kernspintomographie regelmäßig in das Vorsorgeprogramm
einzubeziehen ist, lässt sich nicht definitiv beantworten. Da der jüngste
Patient im Freiburger Zentrum
11 Jahre alt war, empfehlen wir etwa in diesem Alter eine erste entsprechende
Untersuchung durchzuführen.
6.
Veränderungen der Nieren
Der
Mensch hat zwei etwa 12 cm lange Nieren, die im hinteren Bauchraum liegen.
Bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung können flüssigkeitsgefüllte Nierenzysten
oder Nierentumoren entstehen (Abb. 14 -17). Typischerweise findet man mehrere
verschieden große Zysten und mehrere Tumoren (Abb. 14). Meistens sind beide
Nieren betroffen (Abb. 16). Die Nierentumoren sind Karzinome und somit prinzipiell
bösartig. Krankheitszeichen entwickeln sich sehr spät. Sie sind meist Ausdruck
einer Absiedlung, d. h. von Tochtergeschwülsten (Metastasen) (Abb. 15). Nierentumoren
sollten deshalb rechtzeitig erkannt und entfernt werden (Abb. 17).

Abb. 14:
Großer rechtsseitiger Nierentumor und Zysten in der linken Niere.
T = Tumor, Z = Zyste, N = Nierenanteile. Computertomographie mit intravenösem
Kontrastmittel.

Abb. 15:
Lungenmetastase (Pfeil) bei einem großen Nierentumor (Selber Patient wie Abb. 14).
Computertomographie des Brustraumes.
Abb. 16:
Etwa 3 cm großes Nierenkarzinom (Pfeil) am unteren Pol und eine Zyste
am oberen Pol der rechten Niere. Die gegenseitige Niere wurde wegen eines
Nierenkarzinoms einige Jahre zuvor entfernt. Kernpintomographie, frontale
Abbildung. Kernspintomographie mit Gadolinium.
Abb. 17a
und b:
Computertomogramme (CT) mit beidseitigen Nierenkarzinomen bei
VHL-Erkrankung.
Zwischen den Aufnahmen liegen 10 Jahre. Der Pfeil kennzeichnet in der linken
Abbildung den sehr kleinen Tumor der Gegenseite im Anfangsstadium; im rechten
Bild hat er sich zu einem sehr großen Tumor entwickelt. CT mit Kontrastmittel.
Üblicherweise
werden Nierenkarzinome durch eine vollständige Entfernung der betroffenen
Niere behandelt. Für VHL-Patienten, die häufig Tumoren in beiden Nieren haben,
würde dies eine beidseitige Nierenentfernung und damit die Notwendigkeit einer
regelmäßigen sogenannten Dialysebehandlung (Blutwäsche) bedeuten. Man ist
deshalb dazu übergegangen, bei VHL-Patienten nur die Tumoren zu entfernen.
Dabei werden die Nieren freigelegt, die Durchblutung durch Abbinden der Blutgefässe
vorübergehend unterbrochen, das Organ gekühlt. Dann werden alle Tumoren ausgeschält.
In erfahrener Hand ist der Eingriff nahezu immer erfolgreich. Die neueste
Entwicklung geht dahin, dass man Nieren-erhaltende Operationen auch endoskopisch
durchführen kann. Ob ein Eingriff endoskopisch durchgeführt werden sollte,
hängt jedoch von dem genauen Befund und letztlich auch von der Erfahrung des
Operateurs
ab. Eine zentrale Frage ist, ob man jeden Nierentumor operieren soll. Die
Empfehlungen sind verschieden. Die meisten Zentren haben die amerikanischen
Empfehlungen übernommen, nach denen Tumoren ab einer Größe von 3 cm entfernt
werden sollen. Allerdings hat eine vom Freiburger Zentrum koordinierte internationale
Untersuchung ergeben, dass nur bei Tumoren von 7 cm Durchmesser Metastasen
gesehen wurden (Abb. 14 / 15), und dass die Tumoren sehr langsam wachsen.
Vor diesem Hintergrund erscheint es gerechtfertigt, erst ab einer Tumorgröße
von 4 - 5 cm Durchmesser zu einer Operation zu raten. Die Entscheidungen sollten
in ausführlichen Gesprächen mit den Patienten getroffen werden, wobei auch
weitere Gesichtspunkte, insbesondere die Lage der Tumoren innerhalb der Nieren
berücksichtigt werden sollten.
Für
Diagnostik und Verlaufskontrollen ist eine Kernspintomographie mit Gadolinium
als Kontrastmittel zu empfehlen. Eine konventionelle Computertomographie ergibt
etwa gleich gute Resultate. Der jüngste bekannt gewordene VHL-Patient mit
einem Nierentumor war 16 Jahre alt, so dass ab diesem Alter Vorsorgeuntersuchungen
für Nierenveränderungen bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung anzuraten sind.
Bei den Kontrolluntersuchungen ist es wichtig, dass die Befunde sehr genau
hinsichtlich der radiologischen Schnittführung und der Größe verglichen werden.
Nicht selten schien ein Größenwachstum vorzuliegen, das durch stärkere Vergrößerungen,
andere Schichtdicken oder andere Schichtwahl vorgetäuscht war.
Die
Nierentumoren können bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung so zahlreich, so
ungünstig gelegen und so groß sein, dass sich keine der beiden Nieren mehr
erhalten lässt. Dann wird eine lebenslange Dialysebehandlung notwendig. Solche
Patienten können Nieren-transplantiert werden. In diesem Zusammenhang ergeben
sich eine Reihe von Fragen, die mit einem Nieren-Spezialisten (Nephrologen)
besprochen werden sollten.
7.
Phäochromozytome
Die
Nebennieren sind kleine, etwa x 2 x 2 cm im Durchmesser große Organe, die den Nieren aufsitzen. Sie bestehen
aus einem Mark- und einem Rindenanteil. Phäochromozytome sind meist gutartige
Tumoren des Nebennierenmarks. Dem Nebennierenmark gleichartiges Gewebe gibt
es aber auch an anderen Stellen im hinteren Bauchraum, dort können sich solche
Tumoren auch entwickeln; man nennt sie extraadrenale Phäochromozytome.
Etwa
20% der VHL-Patienten entwickeln Phäochromozytome. Phäochromozytome produzieren
sog. Stresshormone (Noradrenalin und Adrenalin) im Überschuss und geben sie in die Blutbahn ab. Oft
geschieht dies phasenweise. Die typischen Krankheitszeichen treten deshalb
attackenartig auf. Schweißausbrüche, Kopfschmerzen und ein "Herzgefühl"
(oft durch Pulsrasen) führen die Patienten zum Arzt. Häufig sind die Attacken
dann vorbei, es lässt sich nichts mehr feststellen. Ist der Tumor noch aktiv,
so findet sich ein erhöhter Blutdruck. Für die Patienten sind die Attacken
unangenehm; Gefahren drohen ihnen durch die Herzbelastung und den stark erhöhten
Blutdruck. Eigentlich bösartige (maligne) Phäochromozytome
mit Metastasen sind bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung extrem selten.
Die
Diagnostik besteht zum einen in der Messung der Stresshormone, zum anderen
im Nachweis der Tumoren als Raumforderungen. Stresshormone oder Katecholamine
umfassen Adrenalin, Noradrenalin, Vanillinmandelsäure, Metanephrine und
Normetanephrine,
die im 24-Stunden-Urin oder im Blut (Plasma) gemessen werden können. Bildgebende
Verfahren sind Ultraschalluntersuchung (Abb. 18), Computertomographie (Abb.
19), Kern-spintomographie (Abb. 20), Metaiodobenzylguanidin (MIBG-) Szintigraphie
(Abb. 20) und DOPA-Positronen-
emissionstomographie (DOPA-PET) (Abb. 20 und
21). Zu empfehlen sind die Messung von Noradrenalin, Adrenalin und Vanillinmandelsäure
im 24-Stunden-Urin sowie eine Kernspintomographie des Bauchraumes in frontaler
(coronarer) und horizontaler (transversaler) Ebene. Hierdurch lassen sich
auch die hin und wieder außerhalb der Nebennieren gelegenen Phäochromozytome
gut darstellen. Bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung kommen Phäochromozytome nicht selten an mehren Stellen (multipel) entweder gleichzeitig
oder im Abstand vieler Jahre vor.

Abb. 18:
Ultraschalluntersuchung mit Darstellung eines Phäochromozytoms der rechten
Nebenniere. Seitliche Ansicht mit Schnittbild eines liegenden Patienten, außerhalb
des Bildes sind Kopf links und Füße rechts zu denken. Man sieht den Tumor
(T), die Leber (L) und die Niere (K).

Abb. 19:
Computertomographie des Bauches mit Darstellung eines
Phäochromozytoms.
Das Phäochromozytom ist mit T markiert. Weitere markierte Organe und Strukturen
sind L= Leber, W= Wirbelkörper, A = Aorta (Hauptschlagader im Bauch).

Abb. 20:
Darstellung eines Phäochromozytoms mittels verschiedener Techniken. Der
Pfeil kennzeichnet das Phäochromozytom. A: 18Fluor-DOPA Positronenemissionstomographie
(DOPA-PET), B und C: MIBG Szintigraphie in üblicher Technik (B) und mittels
SPECT (C) (single photon emission computed tomography), D und E: Kernspintomographie
in horizontaler (oder transversaler) Ebene (D) und frontaler (oder coronarer)
Schnittebene (E).
In A finden sich auch Anreicherungen in beiden Nierenbecken und der Harnblase
(natürliche Ausscheidung des 18Fluor DOPA).

Abb. 21:
18Fluor DOPA-Positronenemissionstomographie (DOPA-PET) Phäochromozytoms
außerhalb der Nebennieren. Der Tumor ist mit einem großen Pfeil, die Harnblase,
über die die Substanz ausgeschieden wird, mit einem kleinen Pfeil gekennzeichnet.
Er liegt in der Mittellinie und etwas weiter unten als die Nebennieren und
ist daher klar außerhalb der Nebennieren gelegen.
Für
die Operationsplanung ist es deshalb sehr wichtig zu wissen, ob nur ein oder
mehrere Tumoren vorliegen. Deshalb sollte die Kernspintomographie durch eine
MIBG-Szintigraphie oder eine DOPA-PET-Untersuchung ergänzt werden. Vor der
Operation ist eine Vorbehandlung - eine Blockade der Wirkung der Stresshormone
- beginnend etwa 7 Tage vor der Operation, notwendig. Wegen der Lage der Nebennieren
im hinteren Oberbauch waren bis vor kurzem Operationen mit meist recht langen
Schnitten üblich; dabei sind zwei Zugangswege möglich, nämlich ein Bauch-
oder ein Flankenschnitt. In den letzten Jahren hat sich die "Schlüsselloch"-Operation,
d. h. das endoskopische Operieren immer weiter entwickelt. Heute ist deshalb
die laparoskopische Entfernung von Phäochromozytomen die zu empfehlende Behandlung.
Weil oft beide Nebennieren Phäochromozytome entwickeln, sollte die Operation
organerhaltend durchgeführt werden. Die Operation ist fast immer erfolgreich,
d. h. die Tumoren können vollständig entfernt werden, was zu einem Verschwinden
aller Beschwerden führt. Der jüngste VHL-Patient mit einem Phäochromozytom
wurde in Freiburg beschrieben und war ½
Jahre alt. Diesbezügliche Vorsorgeuntersuchungen empfehlen wir deshalb
ab dem 6. Lebensjahr. In diesem Alter erscheint eine Sonographie zusammen
mit der Bestimmung der Katecholamine im 24-Stunden-Urin ausreichend, um die
Probleme, die mit einer Kernspintomographie bei Kindern auftreten können,
zu umgehen.
Es
ist anzumerken, dass Phäochromozytome in der Schwangerschaft durch den Druck
des größer werdenden Kindes vereinzelt zu Komplikationen mit schweren Hochdruckkrisen
geführt haben. Die Behandlung ist in solch einer Situation besonders schwierig.
Jedoch kann im mittleren Schwangerschaftsdrittel eine endoskopische Phäochromozytom-Operation
durchaus gewagt und erfolgreich - für Mutter und Kind - durchgeführt werden.
8.
Veränderungen der Bauchspeicheldrüse
Die
Bauchspeicheldrüse (in der Fachsprache Pankreas genannt) erstreckt sich von
links nach rechts im hinteren Oberbauch. Das Pankreas liegt unmittelbar neben
Magen und Dünndarm. Es besteht aus zwei drüsigen Anteilen: Der eine produziert
ein Sekret, das für die Verdauung wesentlich ist; es fließt über den großen
Pankreasgang zusammen mit der in der Leber gebildeten Gallenflüssigkeit in
den Zwölffingerdarm. Den anderen Anteil bilden die Inselzellen, in denen u.
a. Insulin gebildet wird, das den Blutzucker reguliert. Bei der Von Hippel-Lindau
Erkrankung kommen häufig Pankreaszysten (bläschenartige Flüssigkeitsansammlungen)
und selten Inselzelltumoren vor.

Abb. 22:
Multiple
Bauchspeicheldrüsenzysten bei VHL-Erkrankung. Die gesamte Bauchspeicheldrüse
ist von Zysten durchsetzt. Das ganze Organ ist durch die Pfeile gekennzeichnet.
Computertomographie
des Bauches.
Pankreaszysten
sind meist über das gesamte Organ verteilt und unterschiedlich groß (Abb.
22). Dadurch kann es zu einer beträchtlichen Vergrößerung des gesamten Pankreas
kommen. Pankreaszysten verursachen meistens keine Beschwerden und stellen
auch keinen Tumor dar. Sehr große Zysten oder eine massive Vergrößerung des
Pankreas können Druckgefühl oder eine Einengung des Speiseweges und hierdurch
Krankheitszeichen auslösen. Eine Verlegung des Pankreasganges oder der Gallenwege
ist sehr selten, kann aber zu schweren Entzündungen führen. In solch seltenen
Situationen ist eine Operation notwendig. Große Zysten, die Beschwerden verursachen,
können auch punktiert und verödet werden. Vereinzelt bilden sich umschriebene
zystische Knoten, die feingeweblich einem gutartigen Zystadenom entsprechen.

Abb. 23:
Inselzelltumor
(Pfeil) der Bauchspeicheldrüse bei VHL-Erkrankung.
Computertomographie
des Bauches mit intravenösem Kontrastmittel, das beide Nieren gut anfärbt.
Inselzelltumoren
(Abb. 23) sind bei VHL-Patienten selten. In den verschiedenen Serien liegt
der Anteil zwischen 1% und 5%. Es können sich einzelne oder mehrere Tumoren
bilden. Die Abgabe von Hormonen (z.B. Insulin) in die Blutbahn ist bei VHL-Patienten
selten. Daher sind Inselzelltumoren bei der VHL-Erkrankung in der Regel asymptomatisch
und werden bei Vorsorgeuntersuchungen entdeckt. Inselzelltumoren können sich
als gutartig oder bösartig erweisen. Nach bisherigen Untersuchungen ist mit
einer Absiedlung erst ab einer Größe von etwa 3 cm zu rechnen. Aus diesem
Grunde ist dies die kritische Grenze, bei der zu einer Operation geraten wird.
Die Operationen erfordern einen großen Bauchschnitt und sind technisch nicht
einfach durchzuführen, insbesondere wenn mehrere Inselzelltumoren vorliegen
und wenn diese im Bereich des sog. Pankreaskopfes gelegen sind.
9.
Zystadenome der Nebenhoden und der breiten Mutterbänder
Zystadenome
des Nebenhodens (Abb. 24) sind gutartige, meist kirschgroße, recht derbe,
tastbare Tumoren, die oberhalb des Hodens liegen. Sie bestehen aus flüssigkeitsgefüllten
zystischen und drüsigen Anteilen. Sie lassen sich mittels Ultraschall gut
erkennen. Sie sind gutartig. Deshalb ist eine Entfernung nicht nötig. Selten
bestehen Beschwerden, die dann eine Operation sinnvoll machen. Nebenhodenzystadenome
finden sich nicht selten beidseits. Da diese Tumoren zu einer Verlegung der
Samenwege führen können, besteht bei beidseitigen Tumoren oft Zeugungsunfähigkeit.
Einige dieser Patienten haben Kinder adoptiert. Ob bei VHL-Patienten mit beidseitigen
Nebenhodenzystadenomen und noch offenen Samenwegen eine Deposition von Samen
auf einer Samenbank erfolgen sollte, bleibt einem persönlichen Beratungsgespräch
vorbehalten. Prinzipiell kann bei der Entfernung der Tumoren versucht werden,
die Samenwege wieder anzuschließen und durchgängig zu halten. Ein derartiger
Eingriff wurde bislang bei VHL-Patienten nicht beschrieben. Eine umfangreiche
Aufklärung müsste zuvor erfolgen.

Abb. 24:
Sonographischer und histologischer Befund bei Nebenhodenzystadenom.
Links unten ist in einem Bauchschema die Schnittrichtung des Ultraschalls
gezeigt: Linker Hoden- Nebenhodenbereich. Links oben zeigen die Pfeilspitzen
auf einen weitgehend dunklen Bereich, der dem Zystadenom entspricht. Im rechten
Bild ist ein Gewebeschnitt gezeigt; die dunklen Punkte sind Zellen des Zystadenoms,
das auch aus Flüssigkeit (weiße Bereiche) besteht.
Die
den Nebenhodenzystadenomen des Mannes entsprechenden Veränderungen bei der
Frau sind die Zystadenome der breiten Mutterbänder. Diese sind neben dem oberen
Scheidenende in den sog. breiten Mutterbändern lokalisiert (Abb. 25). Sie
werden bei der Kernspintomographie des Bauchraumes mit abgebildet; sie verursachen
in der Regel keine Beschwerden und brauchen nicht entfernt zu werden.

Abb. 25:
Kernspintomographische
Darstellung eines Zystadenoms (Pfeile) des rechten breiten Mutterbandes bei
VHL Erkrankung.
Der weiße
Raum entspricht der gefüllten Harnblase, in die der Tumor hineinragt.
Kernspintomographie.
10.
Innenohrtumoren
Selten
leiden VHL-Patienten unter Ohrgeräuschen (Tinnitus) und Hörverschlechterung.
Mittels einer Computertomographie oder einer Kernspintomographie des Innenohres
lassen sich Tumoren des Endolymphsystems des Innenohres nachweisen (Abb. 26).
Nach den bisherigen Erfahrungen und Literaturberichten werden diese Veränderungen
bei der Kernspintomographie des Kopfes mit erfasst, so dass keine modifizierte
Diagnostik notwendig erscheint. Bei Tinnitus und Hörminderung sollte jedoch
zusätzlich eine HNO-Untersuchung mit einem Hörtest gemacht werden. Da die
Tumoren groß werden können und andere Nerven, z.B. den Gesichtsnerv, in Mitleidenschaft
ziehen können, kann eine Operation erforderlich werden. VHL-Patienten mit
hierdurch bedingtem Hörverlust wurden schon mit einem künstlichen Innenohr
("Cochlear implant") erfolgreich versorgt.

Abb. 26:
Tumoren (Pfeile) des Endolymph-Sackes bei VHL Erkrankung.
Die Tumoren stellen sich in der Kernspintomographie durch das Kontrastmittel
Gadolinium weiß dar. Sie sind durch Pfeile markiert. Ein Tumor ist deutlich
größer als der andere.
Der große Tumor hat zu einer Ertaubung des einen Ohrs geführt.
11. Andere
seltene Veränderungen
Bei
Patienten mit der Von Hippel-Lindau Erkrankung können selten auch Veränderungen
in Organen vorkommen, die nicht in den Abschnitten 4 - 10 erläutert werden.
Hierbei handelt es sich meistens um
Zysten oder Angiome in Leber, Milz, Lunge, Haut oder Knochen. Diese Veränderungen
sind wegen ihrer Seltenheit nicht das Ziel von Vorsorgeuntersuchungen, können
aber gelegentlich als Zufallsbefund entdeckt werden. Fachliteratur sollte
zu Rate gezogen werden, um solche Befunde der Von Hippel-Lindau Erkrankung
zuordnen zu können.
Allgemeines zum Erbgang
Die
Von Hippel-Lindau Erkrankung ist eine Erbkrankheit. Der Erbgang ist, wie wir
sagen, "autosomal-dominant" (vgl.
Abb. 2). Dies ist so zu verstehen:
Es
wird nur die Veranlagung zu der Erkrankung vererbt.
Autosomal
heißt, dass die Anlage zu dieser Erkrankung nicht auf den Geschlechtschromosomen
sondern auf den Körper - Chromosomen, den sog. Autosomen, liegt. Beide Geschlechter,
Männer und Frauen, sind gleich häufig betroffen.
Jeder
Mensch erhält seine Anlagen (Gene) von Vater und Mutter, d. h. er besitzt
jedes Gen zweimal, somit auch das VHL-Gen. Wenn eines dieser beiden VHL-Gene
nicht normal ist, bezeichnen wir dies als Mutation; wir sagen auch vereinfacht
"er/sie ist Genträger" und meinen damit nur das nicht-normale Gen.
Personen, die ein verändertes VHL-Gen haben, erkranken mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Dies nennt man "dominant"; im Gegensatz dazu gibt es andere,
sogenannte "rezessive" Erbkrankheiten, die nur auftreten, wenn beide
Gene ab Geburt verändert sind. Von der Von Hippel-Lindau Erkrankung wissen
wir heute jedoch, dass nicht alle Genträger erkranken. Die Wahrscheinlichkeit
zu erkranken nennen wir Penetranz; diese wird zur Zeit intensiv erforscht.
Für einige Familien können wir bereits genauere Angaben machen. Insgesamt
ist die Penetranz hoch, d. h. die Wahrscheinlichkeit, in irgendeiner Form
Veränderungen zu entwickeln, ist groß.
Formen von Mutationen
Unter
molekulargenetischer Diagnostik verstehen wir bei der Von Hippel-Lindau Erkrankung
die Untersuchung des VHL-Gens im Blut. Hierdurch soll festgestellt werden,
ob eine Person Anlageträger ist oder nicht.
Hierzu
ein paar Erläuterungen: Weil die Gene auf den Chromosomen liegen, benötigt
man zur Untersuchung Zellen, die Chromosomen enthalten; das sind z. B. die
weißen Blutkörperchen. Die Chromosomen bestehen im wesentlichen aus der sog.
Desoxyribonukleinsäure, englisch "desoxyribonucleic acid" oder abgekürzt
"DNA". Deshalb wird bei der molekulargenetischen Diagnostik aus
dem Blut der betroffenen Patienten zuerst eine DNA-Isolierung durchgeführt.
Danach wird der VHL-Bereich in verschiedenen Teilschritten herausgeschnitten
und mit speziellen Methoden untersucht. Die DNA besteht aus einer Kette von
hintereinanderliegenden Gliedern, den sog. Nukleotiden.
Jedes Nukleotid besteht aus einer von vier verschiedenen Basen (Tabelle 1)
und einem Zuckerrest. Mit der molekulargenetischen Diagnostik soll geprüft
werden, ob die Abfolge der Basen des VHL-Gens normal oder verändert ist.
Mutationen,
d. h. Veränderungen des VHL-Gens, können sehr verschieden sein:
Es
kann eine Base gegen eine andere ausgetauscht sein; das ist eine sog. "Punktmutation".
Dazu setzen wir die Nummer ein, die diese Base hat, und fügen abgekürzt hinzu
die normale und die veränderte Base. So bedeutet z. B. VHL c. 505 T/C, dass
im Nukleotid 505 die normalerweise vorhandene Base T = Thymin durch C = Cytosin
ersetzt ist (vgl. Tabelle 1). Solche Punktmutationen können unterschiedliche
Auswirkungen haben: Entweder
wird im VHL-Eiweiss eine Aminosäure durch eine andere ersetzt, was man Missense-Mutation
nennt. Der
Basenaustausch kann aber auch zu einem sog. Stop-Codon führen, dann entsteht
ein verkürztes VHL-Eiweiss.
Es
können Teile des Gens fehlen; das nennen wir Deletion. Deletionen können sehr
klein sein, z. B. nur eine oder mehrere Nukleotide betreffen; es können aber
auch größere Teile oder das ganze Gen fehlen.
|
Basen der
Nukleotide:
|
|
Adenin
Guanin
Thymin
Cytosin
|
A
G
T
C
|
Codons
bestehend aus 3 Nukleotiden und entsprechende Aminosäuren (einbuchstabiger
und dreibuchstabiger Code):
|
Codon
|
Aminosäuren
|
|
GCG, GCT, GCA, GCC
|
Alanin
|
A
|
Ala
|
|
TGT,
TGC
|
Cystein
|
C
|
Cys
|
|
GAC, GAT
|
Asparaginsäure
|
D
|
Asp
|
|
GAG
|
Glutaminsäure
|
E
|
Glu
|
|
TTG, TTT
|
Phenylalanin
|
F
|
Phe
|
|
GGA, GGC, GGG, GGT
|
Glycin
|
G
|
Gly
|
|
CAC, CAT
|
Histidin
|
H
|
His
|
|
ATA, ATC, ATT
|
Isoleucin
|
I
|
Ile
|
|
AAA,
AAG
|
Lysin
|
K
|
Lys
|
|
CTA,
CTC, CTG, CTT, TTA, TTG
|
Leucin
|
L
|
Leu
|
|
ATG
|
Methionin
|
M
|
Met
|
|
AAC, AAT
|
Asparagin
|
N
|
Asn
|
|
CCA, CCT, CCC, CCG
|
Prolin
|
P
|
Pro
|
|
CAA, CAG
|
Glutamin
|
Q
|
Gln
|
|
AGA, AGG, CGA, CGC, CGG, CGT
|
Arginin
|
R
|
Arg
|
|
TCA, TCC, TCG, TCT, AGC, AGT
|
Serin
|
S
|
Ser
|
|
ACA, ACT, ACC, ACA
|
Threonin
|
T
|
Thr
|
|
GTA, GTC, GTG, GTT
|
Valin
|
V
|
Val
|
|
TGG
|
Tryptophan
|
W
|
Trp
|
|
TAC, TAT
|
Tyrosin
|
Y
|
Tyr
|
|
TAA, TAG, TGA
|
Stop-Codon
|
X
|
|
Tabelle
1:
Abkürzungen,
die bei Mutationsbefunden Verwendung finden.
Es
können zwischen zwei Nukleotiden eine oder mehrere Nukleotide neu eingesetzt
sein; das nennen wir Insertionen. Es können Teile des Gens an einer Stelle
fehlen, aber an einer anderen Stelle wieder eingefügt sein; das nennen wir
Rearrangements.
Bis
heute kennen wir etwa 400 verschiedene VHL-Mutationen. Diese können wir meistens
bei weiteren Verwandten, insbesondere den Eltern, auch finden. Wenn bei keinem
der beiden Elternteile die Mutation nachweisbar ist, spricht man von einer
Neumutation.
Neumutationen
können sich in der Eizelle oder der Samenzelle, aber auch nach der Befruchtung
in einem der Zellteilungsstadien ereignen. In letzterem Fall hat nur ein Teil
der Zellen des betroffenen Menschen das veränderte VHL – Gen; dies nennt man
ein Mosaik. Solche Personen zeigen häufig eine schwache Ausprägung der VHL
– Erkrankung.
Molekulargenetische Diagnostik
Warum
ist die molekulargenetische Diagnostik wichtig?
Die
Antwort besteht aus drei Teilen:
Mit
dem Nachweis einer Mutation im VHL-Gen wird die Diagnose Von Hippel-Lindau
Erkrankung auf molekulargenetischer Basis bestätigt und damit abgesichert.
Hierdurch können wir insbesondere untypische Erkrankungsformen der Von Hippel-Lindau
Erkrankung richtig zuordnen. Weiterhin ist der Nachweis die Voraussetzung
für die folgenden zwei Aspekte.
Wenn
wir die jeweils vorliegende Mutation kennen, können wir bei Verwandten, d.
h. Eltern, Geschwistern oder Kindern, aber auch bei weiter entfernten Blutsverwandten,
anhand einer Blutprobe untersuchen, ob sie Genträger sind oder nicht. Dies
ist wichtig, weil bei neu entdeckten Genträgern gezielt weitere klinische
Untersuchungen durchgeführt werden können. Personen, die nicht Genträger sind,
können nicht die Von Hippel-Lindau Erkrankung entwickeln und benötigen daher
auch
keine weiteren klinischen Untersuchungen. Solche Personen können die Anlage
zu der Erkrankung auch nicht weitervererben. Deshalb brauchen bei Kindern
von Nicht-Genträgern keinerlei Untersuchungen durchgeführt werden.
Es
hat sich gezeigt, dass die Ausprägung der Von Hippel-Lindau Erkrankung bei
Trägern unterschiedlicher Mutationen sehr verschieden sein kann. Dies nennt
man auch Genotyp-Phänotyp Korrelation, was sagen will, dass oder ob eine spezielle
Mutation zu einem ganz speziellen Erscheinungsbild der Erkrankung führt. Anzumerken
ist aber auch, dass bei Trägern derselben Mutation die Veränderungen deutlich
verschieden sein können hinsichtlich Erkrankungsalter und Schwere. Leider
gibt es so viele Mutationen, dass für eine einzelne Mutation oft nur wenige
Personen gut untersucht sind; daher sind Aussagen über die Auswirkungen einer
speziellen Mutation oft schwierig und können speziell Voraussagen hinsichtlich
zu erwartendem Erkrankungsalter, Erkrankungsschwere und Organspektrum häufig
nicht gemacht werden.
Bei
der Durchführung der molekulargenetischen Testung müssen wichtige Gesichtspunkte
berücksichtigt werden. Dies gilt speziell für Angehörige von VHL-Patienten,
die sich gesund fühlen.
Eine
Testung sollte nur erfolgen, wenn eine umfassende Beratung vorausgegangen
ist. Eine solche Beratung kann ein Arzt übernehmen, der sich mit der Von Hippel-Lindau
Erkrankung ausführlich auseinandergesetzt hat. Es sollte ein Facharzt für
Humangenetik beteiligt sein. In jedem Falle muss gewährleistet sein, dass
die Testung freiwillig erfolgt.
Sorgfältig
ist zu erwägen, dass die Mitteilung einer neu entdeckten Anlageträgerschaft
eine große Belastung für die jeweilige Person sein kann. Aus diesem Grunde
wurden 1998 von der Bundesärztekammer "Richtlinien zur Diagnostik der
genetischen Disposition für Krebserkrankungen" herausgegeben. Die Durchführung
der genetischen Testung sollte sich eng an diese Richtlinien anlehnen. Speziell
ist von größter Bedeutung, dass das sogenannte "Recht auf Nichtwissen"
zu respektieren ist.
Aus
ärztlicher Sicht steht allerdings die Prävention, d. h. das vorbeugende, vermeidende
Handeln im Zentrum. So hat bei den vielen, oft schwierigen Aufklärungsgesprächen
immer überzeugt, dass dem Arzt Vorwürfe gemacht werden könnten, wenn nach
Eintritt schwerer Komplikationen bekannt würde, dass er von diesen Gefahren
Kenntnis hatte. In Anbetracht der sehr guten Behandlungs-
möglichkeiten kann
deshalb kein Zweifel sein, dass die Gen-Diagnostik bei der Von Hippel-Lindau
Erkrankung zu empfehlen ist.
Zweifellos
ist wichtig, dass VHL-Patienten und VHL-Familien gerade nach Aufklärungsgesprächen,
aber auch langfristig, Rückhalt und Absicherung brauchen. Große Erfahrung
und gute psychologische Betreuung von seiten eines VHL-Zentrums sind in diesem
Zusammenhang von größter Bedeutung.
Allgemeine Gesichtspunkte
Klinische
Untersuchungen sollen möglichst genauen Aufschluss darüber geben, ob ein Organ
gesund oder erkrankt ist. Im Erkrankungsfall sollen möglichst viele Einzelheiten
zur Lage und Größe von Tumoren gefunden werden, um gute
Behandlungsmöglich-
keiten
zu gewährleisten. Alle Untersuchungen sollen möglichst wenig belastend sein,
d. h. a) schmerzlos, b) ohne oder mit nur geringer Strahlenbelastung, c) ohne oder
nur mit minimalem Einsatz von Medikamenten oder Kontrastmitteln. Der Zeitaufwand
und die Kosten sollen niedrig sein. Diese Anforderungen konnten in den letzten
Jahren enorm verbessert werden. Ideale Untersuchungsformen gibt es jedoch
nicht. Im folgenden werden die wichtigsten Untersuchungen für VHL-Patienten
genannt und am Ende zu Programmen zusammengestellt.
Organe und Körperregionen
Augen
Die
Augenuntersuchung erfordert eine Weitstellung der Pupillen durch Tropfen.
Die Tropfen wirken nach ca. 30 Minuten. Erst etwa 3 Stunden nach der Untersuchung
klingt die Wirkung ab, und es darf erst dann wieder ein Auto gesteuert werden.
Solange ist Helligkeit störend. Die Untersuchung wird mit einem speziellen
Vergrößerungsglas durchgeführt, wodurch alle, auch die am Rande der Netzhaut
gelegenen Abschnitte eingesehen werden können. Erfahrene Untersucher können
in der Regel mit dieser Technik die Netzhaut komplett beurteilen. Die häufig
empfohlene Fluorescein-
Angiographie mit Einspritzen eines Kontrastmittels
in die Armvene ist meist nur für die fotografische Befunddokumentation notwendig.
Zentralnervensystem
Die
ZNS-Untersuchung, d. h. des Gehirns einschließlich des Kleinhirns,
des Hirnstamms und des Innenohrs erfolgt heute mittels der Kernspintomographie
(MRT) (Abb. 10, 11, 13, 26) unter Verwendung des Kontrastmittels Gadolinium.
Es gibt keine Strahlenbelastung. Die Untersuchung dauert derzeit 30 Minuten.
Ruhiges Liegen ist die Voraussetzung. Allergien auf das MR-Kontrastmittel
Gadolinium sind sehr selten. Die computertomographische Untersuchung (CT)
des Kopfes ist weniger aussagekräftig als die Kernspintomographie, was speziell
für kleine Veränderungen im hinteren-
unteren Bereich des Gehirns gilt. Ein
wichtiger Nachteil ist, dass das CT nur in horizontaler Ebene erfolgt. Ein
CT erfolgt nur noch dann, wenn eine MRT nicht durchgeführt werden kann, wie
z.B. bei Patienten mit nicht entfernbaren elektronischen Geräten wie Herzschrittmacher
oder Metall im Körper bzw. Platzangst.
Eine
Angiographie ist nur für die Operationsplanung bei schwierig zu operierenden
Tumoren nötig.
Die
Untersuchung des Rückenmarks erfolgt heutzutage ebenfalls mittels
Kernspintomographie
unter Verwendung von Gadolinium (Abb. 12). Eine Untersuchung der gesamten
Wirbelsäule ist in 20 - 60 Minuten durchführbar. Wie bei der Untersuchung
des Kopfes sind Untersuchungen in allen 3 Raumebenen möglich und insbesondere
zur Operationsplanung auch notwendig.
Bauchorgane
Die
Untersuchung der Bauchorgane kann durch Ultraschall, eine Computertomographie
oder Kenspintomographie erfolgen. Die Ultraschall-Untersuchung (Abb.
18 und 24) ist völlig risikolos. Man sollte hierfür nüchtern sein. Die Aussage
ist vom Körperbau abhängig und bei Dickleibigkeit erschwert. Manche Untersuchungsaspekte,
wie die der Bauchspeicheldrüse sowie die Suche nach Phäochromozytomen, sind
mit der Ultraschalluntersuchung nur ungenügend möglich. Die Erfahrung des
Untersuchers ist für die Ultraschalluntersuchung von sehr großer Bedeutung.
Befunde ohne Nachweis von krankhaften Veränderungen sind in ihrer Wertigkeit
daher oft problematisch.
Die
Kernspintomographie (Magnetresonanztomographie oder MRT) ist heute
als Standarduntersuchungsverfahren der Bauchorgane bei VHL-Patienten anzusehen
(Abb. 16, 17, 20, 25). Dabei sind Abbildungen in zwei Projektionsebenen, nämlich
in der Transversal- und der Frontalebene möglich. Die Beurteilung von Bauch-
speicheldrüse
und Nieren ist ähnlich gut möglich wie bei der Computertomographie. Durch
die Gabe des Kontrastmittels Gadolinium kann die Beurteilbarkeit von Fein-
heiten
verbessert werden. Wegen der Enge bei den derzeitigen Geräten ist dieses Verfahren
bei Personen mit Platzangst nicht geeignet. Die Untersuchung dauert ca. 30
Minuten.
Die
Computertomographie (CT) (Abb. 14, 19, 22 und 23) ist insgesamt von
ähnlich guter Aussagekraft für die Bauchorgane wie die Kernspintomographie.
In der Regel wird zur besseren Beurteilbarkeit von Details ein Röntgen-Kontrastmittel
verwendet. Da dies aber die Nieren schädigen kann, sollte vorher eine normale
Nierenfunktion anhand einer Blutuntersuchung (Serum-Kreatinin) belegt sein.
Die CT beinhaltet eine gewisse Strahlenbelastung.
Phäochromozytome
Phäochromozytome
können gesehen werden durch die Sonographie, die Computertomographie oder
Kernspintomographie (Abb. 18 - 20). Als sehr gutes Nachweisverfahren ist die
Kernspintomographie anzusehen, weshalb sie die Untersuchungsmethode der ersten
Wahl ist. Darüber hinaus gibt es die im folgenden genannten Untersuchungen,
die bei dringendem Verdacht auf das Vorliegen dieses Tumors, oder bei Patienten
mit erhöhtem Risiko, oder bei bekanntem Tumor vor der Operation, oder als
Kontrolle nach der Operation zum Einsatz kommen.
Phäochromozytome
produzieren Hormone, sogenannte Katecholamine, die im
Urin gemessen werden können. Die Untersuchung erfordert das Sammeln eines
24-Stunden-Urins. Es sollten Noradrenalin, Adrenalin und Vanillinmandelsäure
bestimmt werden. Die Sammlung des
Urins erfolgt nach Säurevorgabe von ca. 10 ml 25% Salzsäure in ein Sammelgefäß.
Die Messung von Noradrenalin und Adrenalin im Blut ergibt weniger verlässliche
Ergebnisse.
Die
MIBG-Szintigraphie (Metaiodoben-zylguanidin-Szintigraphie) (Abb. 20)
mit Jod 123 oder Jod 131 ist eine wichtige und hochempfindliche Untersuchungsmethode
zum Nachweis von Phäochromozytomen. Das Verfahren ist der Kenspintomographie
etwa gleichwertig, stellt allerdings eine kurzfristige Strahlenbelastung mit
Radioaktivität dar. Zur Vermeidung von Jodaufnahme in die Schilddrüse ist
eine Blockade mit Perchlorat-Tropfen 30 Minuten vor Gabe des MIBG und danach
über 5 Tage zweimal pro Tag notwendig. Das MIBG muss 3 Tage vorher bestellt
werden, die Terminplanung ist daher umständlich. 48 Stunden nach Gabe des
MIBG, also zu einem zweiten Untersuchungstermin, erfolgt die Auswertung mittels
eines Ganzkörper-Szintigramms. Die Strahlenbelastung hat uns veranlasst, die
MIBG-Szintigraphie nur zur Operationsplanung einzusetzen.
Seit
2001 steht als neuester Nachweis für Phäochromozytome die sogenannte Positronen-Emissions-Tomographie
(PET) (Abb. 20 und 21) mittels radioaktiv markiertem DOPA zur Verfügung
(sog. DOPA-PET). Das an Position 18 mit radioaktivem Fluor markierte DOPA
(18Fluor-DOPA) muss ebenso wie MIBG zuvor bestellt werden. Eine Vorbehandlung
in Form einer Schilddrüsenblockade entfällt. Die Durchführung einer DOPA-PET
Untersuchung benötigt etwa 3 Stunden. Somit ist für eine DOPA-PET-Untersuchung
nur ein Termin notwendig. Im Vergleich zur MIBG-Szintigraphie hat sich die
DOPA-PET-Untersuchung in der Freiburger Pilot-Studie als überlegen gezeigt:
Alle Tumoren sind nachweisbar gewesen, und das Auflösungsvermögen ist deutlich
besser als bei der MIBG-Szintigraphie.
Die
24-Stunden-Blutdruckmessung dient dem Nachweis von Phäochromozytom-
Attacken
mit Blutdruckerhöhung und Pulsbeschleunigung. Diese Untersuchung ist eine
gute Ergänzung bei der routinemässigen Phäochromozytom-Diagnostik.
Nebenhoden
Die
Ultraschalluntersuchung der Nebenhoden ist das Verfahren der Wahl zur
Feststellung von Nebenhodenzystadenomen in Ergänzung zum Tastbefund. Das Verfahren
ist völlig risikolos, die Abgrenzung zu anderen zystischen Veränderungen kann
allerdings schwierig sein
(Abb. 24).
Programme
Die
Untersuchungsprogramme sind abzustimmen nach folgenden Gesichtspunkten:
Alter
des zu Untersuchenden, Vorsorgeuntersuchung, Kontrolluntersuchung, Verlaufskontrolle
vorhandener oder operativ beseitigter Tumoren.
Das
Standardprogramm ist in Tabelle 2 wiedergegeben. Dieses Programm sollte
bei jedem Erwachsenen bei der Erstuntersuchung durchgeführt werden. Es ist
auch als Orientierung für die Kontrolluntersuchungen geeignet. Die Empfehlungen
zu den zeitlichen Intervallen sind uneinheitlich. Kontrollen im Abstand von
einem Jahr sind zu empfehlen.
-
Augenuntersuchung
-
Kernspintomographie
von Kopf und Rückenmark mit Gadolinium
-
Kernspintomographie
des Bauchraumes mit Gadolinium
-
Katecholaminbestimmung
im 24-Stunden-Urin
-
Ultraschalluntersuchung
der Nebenhoden bei Männern
|
Tabelle
2:
Standarduntersuchungsprogramm
Bei
nachgewiesenen Veränderungen, die aktuell nicht als behandlungsbedürftig eingeschätzt
werden, sind die Untersuchungsintervalle und Methoden individuell festzulegen.
Die
Intervalle und Untersuchungsmethoden bei Genträgern ohne Läsionen sind Gegenstand
internationaler Diskussionen, auch unter VHL-Spezialisten. Meist werden derzeit
Fristen von zwei Jahren genannt. In jedem Fall sollten neu aufgetretene Symptome
umgehend klinisch untersucht werden.
Untersuchungen bei Kindern
Es
ist allen betroffenen Eltern zu empfehlen, ihre Kinder möglichst auf Genträgerschaft
testen zu lassen (vgl. Abschnitt 12), um frühzeitig zu wissen, ob die Kinder
eventuell Komplikationen entwickeln können. Diese treten vor dem 6. Lebensjahr
extrem selten auf, so dass eine ärztliche und apparative Untersuchung vorher
nicht notwendig erscheint.
Bei
Kindern ab dem 6. Lebensjahr ist die Augenuntersuchung
durchzuführen. Für die Bauchuntersuchung erscheint in diesem Alter eine Ultraschalluntersuchung
ausreichend. Bei Genträgern mit hohem Phäochromozytom-Risiko sollte eine Bestimmung
der Katecholamine im 24-Stunden-Urin erfolgen. Die Kernspin-
tomographie des
Nervensystems (Kopf und Wirbelsäule) wird erst ab dem 12. Lebensjahr empfohlen.
-
Augenuntersuchung ab dem 6. Lebensjahr
-
Ultraschalluntersuchung des Bauches ab dem 6. Lebensjahr
-
Kernspintomographie des Kopfes und des Rückenmarkes
etwa ab dem 12. Lebensjahr
-
Katecholamine im 24-Stunden-Urin ab dem 12. Lebensjahr
-
Kernspintomographie des Bauches bei unklaren Beschwerden
oder unklarem Ultraschallbefund
|
Tabelle
3:
Untersuchungsprogramm
bei Kindern
14.
Familiengründung
Die
Fragen einer Familiengründung sind vielschichtig und müssen mit größtmöglichem
Einfühlungsvermögen gehandhabt werden. Bestehende Familienstrukturen, Religion,
Kulturkreis und ethische Aspekte, schließlich auch die Rechtslage, sind zu
berücksichtigen. Natürlich macht die Belastung durch eine meist erst im Erwachsenenalter
auftretende, nicht selten gravierende Erbkrankheit nachdenklich. Über das
Risiko der Vererbung sind die Betroffenen zu informieren. Den richtigen Zeitpunkt
für ein intensiveres Gespräch zu erkennen, ist für den betreuenden Arzt oft
sehr schwierig.
Vielfach
kommt von Seiten der Patienten zur Sprache, dass bei Von Hippel-Lindau
Erkrankung von eigenen Kindern abgeraten wurde. Dies ist schon prinzipiell
abzulehnen. Darüber hinaus ist es wegen der Verbesserung der Behandlungs-
möglichkeiten
und weiteren zu erwartenden wissenschaftlichen Fortschritten sowie der Unsicherheit,
ob und wie schwer neue Genträger erkranken werden, nicht gerechtfertigt, VHL-Genträger
bezüglich einer Familiengründung beeinflussen zu wollen. Leider ist festzuhalten,
dass VHL-Patienten mit beidseitigem Nebenhodenzystadenom häufig zeugungsunfähig
sind. Der Verfasser weiß aber von Patienten, die Kinder adoptiert haben, und
war beeindruckt von der Harmonie zwischen Adoptiveltern und Kindern.
15.
Versicherungen / Absicherung
Versicherungsfragen
können VHL-Patienten Probleme bereiten. In Deutschland ist die Krankenversicherung
als Pflichtversicherung garantiert. Ob private Kranken-
versicherungen die Aufnahme
von Genträgern verweigern können, wird im Einzelnen zu prüfen sein.
Für
Lebensversicherungen sind Schwierigkeiten denkbar. Ein Fall eines Lebensversicherungsabschlusses
trotz Offenlegung der VHL-Anlageproblematik ist dem Verfasser bekannt.
Arbeitnehmerprobleme
kennt der Verfasser nur durch starke körperliche Belastung nach großen Bauchoperationen
mit entsprechenden Narben.
Vorzeitige
Berentung oder Schwerbehinderung sind bei vorhanden Beeinträchtigungen je
nach Situation erforderlich. Die Patienten sollten jedoch auch wissen, dass
Fürsprache in Berentungsfragen und Fürsprache in Versicherungsfragen prinzipiell
nicht harmonieren.
Für
die Absicherung der Genträger und Erkrankten ist der medizinische Fortschritt
das Wichtigste. Eine gute Informationslage und Ausgewogenheit bei Beratungen
und Entscheidungsgesprächen für bevorstehende Eingriffe sind von größter Bedeutung.
Bei den letzten Konferenzen wurde deutlich, dass VHL-Patienten zunehmend an
den Eingriffsfolgen und weniger an den Auswirkungen zu spät erfolgter Diagnostik
und Therapie leiden. Psychologische Hilfen sind von enormer Bedeutung. Der
Verfasser hat sich daher entschlossen, allen Patienten eine (seine) stets
erreichbare Telefonnummer zu geben, um ihnen bei wirklich ernsten aktuellen
Fragen eine Absicherung geben zu können. Dies wurde dankbar entgegen genommen;
Gebrauch wurde davon weitaus weniger gemacht als erwartet.
16.
Eugen von Hippel und Arvid Lindau
Die
ersten Beschreibungen der Von Hippel-Lindau Erkrankung kennen wir aus der
Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit Sicherheit ist die Erkrankung jedoch viel
älter. Somit sind die "Namens-Patrone" der Von Hippel-Lindau Erkrankung
nicht die Entdecker der Erkrankung, aber wichtige Forscher. Eugen von Hippel
(Abb. 27) war Augenarzt in Heidelberg und Göttingen und beschrieb die Befunde
der Netzhaut in Vorträgen und Aufsätzen zwischen 1893 und 1911. Arvid Lindau
(Abb. 28) war Pathologe in Lund, Schweden, und beschrieb 1926 in einer umfangreichen
Schrift die zystischen Kleinhirnveränderungen an einer großen Zahl von Patienten.
Sein Werk enthält die erste systematische Sammlung aller anderen veröffentlichten
Patienten. Seine Arbeit weist auf die Gemeinsamkeiten der Veränderungen von
Netzhaut und Kleinhirntumoren hin, und er erwähnt Veränderungen in den Bauchorganen
und beschreibt Erkrankungen bei Verwandten.
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Abb. 27: Eugen von Hippel
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Abb. 28: Arvid Lindau mit seiner Frau
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17.
Nachwort
Anlageträger
und Patienten mit Von Hippel-Lindau Erkrankung werden in dieser Informationsschrift
manche Fragen und Antworten vermissen. Manche Stellungnahme blieb unscharf.
Dies hat seine Gründe darin, dass zwar Entscheidungen getroffen werden müssen,
das hierzu nötige Wissen aber ungesichert ist. Es gibt zu denken, dass schwere
Komplikationen früher wegen zu später Diagnose, heute oft als Behandlungsfolgen,
eventuell sogar Übertherapie eintreten. Das Prinzip, eine eingehende Diagnostik
zu befürworten, aber Entscheidungen über jeden Eingriff sorgfältig abzuwägen,
hat sich bislang als tragfähig herausgestellt.
Drei
dringliche Fragen, die viele Patienten stellen, sind leider ungelöst. Es gibt
keine Möglichkeit eines Testes, um die augenblickliche Aktivität der von Hippel-Lindau
Erkrankung zu messen. Es gibt auch noch kein Medikament, das geeignet wäre,
die Tumoren der Von Hippel-Lindau Erkrankung in ihrem Wachstum zu bremsen
oder gar zurückzubilden. Und es gibt derzeit keine Möglichkeit, die jeweils
zugrunde liegende Anlage, d. h. die Mutation in Form einer "Gentherapie"
zu behandeln, also zu korrigieren. Die vielen Verbesserungen der letzten Jahre
geben mir Hoffnung, dass Fortschritte auch in diesen Fragen bald erzielt werden
können.
18.
Danksagung
Diese
Patienteninformationen berücksichtigen zahlreiche Anregungen von Patienten
und Kollegen.
Ich
danke der Selbsthilfegruppe, insbesondere Herrn Gerhard Alsmeier, für viele
Hinweise auf Informationen, die Patienten mit der Von Hippel-Lindau Erkrankung
benötigen. Herrn Andreas Beisel danke ich für seine großartige Hilfe bei der
Druck-
erstellung dieses Leitfadens.
Ich
danke allen Mitarbeitern, die das Freiburger VHL-Zentrum mitgetragen haben.
Wichtige Stützen sind die Sekretärin, Frau Reifsteck, und die Mitarbeiter
des Labors des Verfassers, Dr. Bender, Frau Franke, Frau Bohnert-Iwan, in
der Augenklinik Prof. Schmidt, in der Radiologie und Nuklearmedizin die Oberärzte
Frau Dr. Windfuhr und Privatdozent Dr. Högerle; in der Neuroradiologie Privatdozent
Dr. Spreer, Dr. Klisch, Dr. Berlis, in der Neurologie Privatdozent Dr. Glocker,
in der Chirurgie Prof. Kirste und Prof. Rückauer; in der Urologie Prof. Wetterauer
und Prof. Schultze-Seemann, in der Neurochirurgie Prof. Zentner, Frau Privatdozentin
Dr. van Velthoven und Dr. Gläsker.
Für
die kritische Durchsicht des Manuskriptes und zahlreiche Anregungen danke
ich Frau Dr. Luitgard Neumann, Herrn Chefarzt Privatdozent Dr. Kreusel, Herrn
Prof. Schmidt und Herrn Dr. Gläsker. Für die Überlassung von Abbildungen danke
ich Herrn Prof. Schmidt, Augenklinik, Herrn Prof. Schumacher, Abt. Neuroradiologie
und Herrn Prof. Langer, Abt. Röntgendiagnostik des Universitätsklinikums Freiburg
sowie den Nachfahren von Eugen von Hippel und Arvid Lindau.
Seit
2001 ist in der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg eine Tagesstation
als "Station Hippel-Lindau" eingerichtet und mit den Schwestern
Annerose Leger und Ingrid Friedemann zum Anlaufpunkt für VHL-Patienten in
Freiburg geworden.
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