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Stand: 10.12.2007

Die von Hippel-Lindau Erkrankung in der Presse

aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, vom Mittwoch, 05. April 2000, Nr. 81 / Seite N 3

Ein Krebsleiden als Modellfall - Hippel-Lindau'sche Erkrankung / Früherkennung mit Gentest
Zu den Krebsleiden, die sich infolge einer erblichen Veranlagung entwickeln, gehört die Hippel-Lindau'sche Erkrankung. Charakteristischerweise treten Tumore nicht in einem bestimmten Organ auf. Sie können vielmehr an vielen verschiedenen Stellen im Körper entstehen. Auch innerhalb einer Familie kann sich das Leiden auf sehr unterschiedliche Weise manifestieren. Das hat die Diagnose dieser Krankheit oft sehr erschwert. Doch seit es einen Gentest für die erbliche Veranlagung gibt, sind gefährdete Personen bereits vor dem Auftreten von Symptomen zu erkennen. Die Hippel-Lindau'sche Erkrankung ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eine Gendiagnose die Früherkennung und damit letztlich auch die Therapie eines Krebsleidens erheblich verbessern kann. Hartmut Neumann hat vor 15 Jahren an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg mit dem Aufbau eines Zentrums begonnen, das inzwischen zu einer wichtigen Anlaufstelle für Patienten mit diesem Defekt geworden ist. Der Forscher ist für seine Pionierarbeit mit dem Hufeland-Preis ausgezeichnet worden.

Beim Hippel-Lindau-Syndrom entstehen in der Regel nur in der Niere bösartige Krebsherde. In den anderen Organen sind die Wucherungen meist gutartig. Doch auch diese gutartigen Tumore richten durch ihr Raum forderndes Wachstum großen Schaden an. So können Wucherungen in den Blutgefäßen der Netzhaut des Auges das Sehvermögen stark beeinträchtigen oder zum Erblinden führen. Sind Gehirn und Rückenmark betroffen, sind starke Kopfschmerzen und Übelkeit beziehungsweise Gangstörungen die Folge. Charakteristisch für das Leiden sind außerdem als Phäochromozytome bezeichnete Wucherungen im Nebennierenmark. Sie können zu starken Gesundheitsstörungen führen, weil das Gewebe zu viel Stresshormone ausschüttet. Auch die gelegentlich im Innenohr, in der Bauchspeicheldrüse oder in den Hoden auftretenden Geschwülste beeinträchtigen die Patienten, weil sie mit Taubheit, Stoffwechselentgleisungen beziehungsweise Unfruchtbarkeit einhergehen.

Amerikanische Forscher haben 1993 die für das Leiden verantwortliche Erb-anlage auf Chromosom 3 identifiziert. Daraufhin wurde ein Gentest entwickelt, mit dem sich die Veranlagung für das Erbleiden im Blut nachweisen lässt. Familienmitglieder, deren Erbanlagen unauffällig sind, bedürfen keiner besonderen Vorsorgeuntersuchungen. Träger der Anlage werden dagegen regelmäßig gründlich untersucht.

Dieses Vorgehen hat dazu geführt, dass man Tumorherde so frühzeitig erkennt und gut entfernen kann. Am Freiburger Zentrum ist seit fünfzehn Jahren kein Patient mehr erblindet. Die Ärzte legen großen Wert darauf, befallene Organe nach Möglichkeit zu erhalten, selbst wenn sich dort mehrere Tumorherde befinden. Bei den Kranken treten zudem häufig Krebsherde in beiden Nieren auf. Würde man die Organe entfernen, wären die Kranken oft schon als junge Erwachsene auf eine regelmäßige Blutwäsche oder auf ein Transplantat angewiesen. Die Freiburger Ärzte haben es sich daher zur Regel gemacht, nur die Tumore vorsichtig zu entfernen und die Organe zu erhalten.

Inzwischen kennt man mehr als 250 verschiedene Mutationen in dem Hippel-Lindau-Gen. Viele wurden in der Arbeitsgruppe von Neumann identifiziert. In einigen Fällen lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Art der Genveränderung und der Schwere beziehungsweise der Organspezifität der Erkrankung herstellen. Die Daten reichen aber noch nicht aus, um anhand eines individuellen Gendefektes eine Prognose über den zu erwartenden Krankheitsverlauf stellen zu können. Da es in Deutschland nur rund zweitausend Patienten mit der Erbkrankheit gibt, setzen die Freiburger Forscher auf internationale Kooperation, um die Zusammenhänge zu klären.

Die Funktion des Hippel-Lindau-Gens war bis in die jüngste Zeit rätselhaft. Zwar wies vieles darauf hin, dass es sich um ein vor Krebs schätzendes Gen, ein Ibmor-Suppressor-Gen, handelt. Doch wie es Zellen vor unplanmäßiger Teilung bewahrt, hat man erst kürzlich erkannt. Forscher um Jean W. Conaway von der Oklahoma Medical Research Foundation in Oklahoma City haben nun festgestellt, dass das Hippel-Lindau-Protein am Abbau nicht mehr benötigter Zellbestandteile beteiligt ist. In Zusammenarbeit mit Arnim Pause vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried fanden sie heraus, dass das Hippel-Lindau-Protein Teil eines Molekülkomplexes ist, der zu entfernende Proteine durch das Anhängen von Ubiquintinmolekülen markiert. Krebs fördernde Mutationen im Hippel-Lindau-Gen führen dazu, dass das Ubiquitin seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann ("Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, Bd. 96, S. 12436). Proteine, die den Zellzyklus voranbringen und die Zellteilung fördern, werden dann nicht mehr abgebaut. Die Zellen teilen sich immer weiter. Wie die Forscher schreiben, handelt es sich beim Hippel-Lindau-Gen um das erste Beispiel eines Ibmor-Suppressors, der den Abbau nicht mehr benötigter Zellbestandteile steuert. Auch andere Zellbestandteile dürften auf diesem Wege beseitigt werden. Über die entsprechenden Regelkreise ist erst wenig bekannt. Sie könnten eines Tages die Erklärung dafür liefern, weshalb die von Hippel-Lindau Erbkrankheit bei den einzelnen Mitgliedern einer Familie so unterschiedlich ausfallen kann und das Leiden trotz des Gendefektes zuweilen überhaupt nicht in Erscheinung tritt.